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Wie wurde euer Verein gegründet und warum?

Unser Verein entstand 2015 als Schulprojektarbeit an der Freien Waldorfschule Mainz. Ausgangspunkt der Idee war, dass Florian Kowalewski, der den Verein aktiv ins Leben rief, zuvor eine Erstaufnahmeeinrichtung besucht hatte und die dort herrschenden Zustände aktiv verändern wollte. Die Vereinsform ermöglichte zu diesem Zweck Spenden und ehrenamtliche Unterstützung zu sammeln und in institutionalisierter Form aktive Hilfe anzubieten. 

Was war euer Ziel zu Beginn – und hat sich dieses Ziel im Laufe der Zeit verändert?

Noch immer ist unser Ziel die Unterstützung Geflüchteter in Mainz und Umgebung, wobei sich aktuell schon der Fokus auf Mainz beschränkt und hier besonders die Unterkünfte im Fokus stehen, bei denen noch nicht viele oder gar keine anderen Angebote angebunden sind. 
Auch im politischen Bewusstsein eine Stimme für Geflüchtete zu sein, gehört nach wie vor zu unseren Zielen.
Verändert hat sich vor allem, dass statt den damals dringend benötigten akuten Hilfe, z.B. durch Spenden oder Begleitung bei Behördengängen, unser Fokus heute stärker auf der Begleitung und der gemeinsamen Zeit mit Geflüchteten liegt. Wir versuchen insbesondere dort aktiv zu sein, wo es keine Angebote für Kinder oder Erwachsene gibt und ihren Alltag, der immer noch häufig von den traumatischen Erinnerungen der Fluchtumstände geprägt ist, zu verschönern.

Wie hat sich die gesellschaftliche und politische Lage auf eure Arbeit ausgewirkt? Wie ist es heute?

Die Pandemie war für uns ein starker Einschnitt. Nicht nur, weil unsere Aktionen nicht mehr möglich waren, sondern auch, weil allgemein das Interesse am Ehrenamt rapide abnahm. Ohne Menschen, die Freude und Motivation fürs Ehrenamt mitbringen, ist es schwierig einen Verein am Laufenzu halten. Umso glücklicher sind wir, dass es in den letzten beiden Jahren gerade auch durch Angebote wie die Demokratiemesse oder MEM wieder mehr Interesse gibt und wir wieder einige Aktive gewinnen konnten, die uns tatkräftig unterstützen.

Leider haben auch gesellschaftlich und politisch während und nach der Pandemie aus unserer Sicht Hass und Hetze gegen Geflüchtete zu- und die Hilfsbereitschaft abgenommen. Auch das merken wir in unserer Arbeit, nicht nur im gesunkenem Interesse am Ehrenamt, sondern auch an aktiven Anfeindungen und der Unsicherheit vieler Menschen, die wir eigentlich unterstützen wollen.

Wie haben sich eure Arbeitsschwerpunkte mit der Zeit verändert?

Anfangs lag der Fokus insbesondere auf der direkten Unterstützung Geflüchteter in Mainz und Umgebung durch (Sach-)Spendenarbeit und Begleitung bei Behördengängen. Ganz zu Beginn wurden auch an die europäischen Außengrenzen noch dringend benötigte Hilfsgüter mit einem selbstorganisierten Transporter gebracht. Dann kamen im Laufe der Zeit immer mehr Angebote vor Ort in den Unterkünften dazu, z.B. Nachhilfe, Bastelnachmittage, Jugendtreffs oder Frauenabende. Vieles davon ließ sich während der Corona-Pandemie gar nicht mehr umsetzen. Heute liegt unser Fokus vor allem auf monatlichen Aktionen mit verschiedenen Altersgruppen, bei denen es uns viel um gemeinsame Begegnungen, Austausch und das Entfliehen des Alltags in einer netten Gemeinschaft geht. Dass Geflüchtete immer mehr direkten Anfeindungen ausgesetzt sind, lässt uns nicht kalt und wir versuchen mit unseren Aktionen wie z.B. dem Kreativtreff, Lesegruppe oder auch dem „Gude Baby Beutel“ offen und herzlich auf Menschen zuzugehen. 

Damals wie heute verstehen wir es auch als unsere Aufgabe die politische Situation für Geflüchtete im Blick zu behalten und uns politisch dafür stark zu machen, dass populistische und menschenverachtende Parolen nicht zum Alltag gehören. Hierzu sind wir öffentlich auf Kundgebungen aktiv und pflegen den Austausch mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen in Mainz.

Wie arbeitet ihr mit anderen Organisationen, Institutionen oder öffentlichen Stellen zusammen?

Uns ist es wichtig, mit anderen Aktiven aus Mainz und Umgebung im Austausch zu sein. Das ermöglicht uns nicht nur, dort aktiv zu sein, wo wenig bis gar keine anderen Angebote stattfinden, sondern auch gemeinsame Projekte mit aufwändigerer Planung oder eine allgemeinere gegenseitige Unterstützung. Auch mit der Stadt und der Flüchtlingskoordination arbeiten wir eng zusammen, insbesondere zur Kontaktabstimmung mit den Unterkünften und zur Steuerung unserer Aktionen. Nicht zuletzt zeigen uns Kooperationen auch, dass es immer noch viele engagierte Menschen in Mainz gibt – und das tut einfach gut.

Von wem habt ihr seit eurer Gründung die meiste Unterstützung erhalten.

Das ist schwer zu sagen. Es gibt eine ganze Reihe an Leuten, Organisationen und Institutionen denen wir dankbar sind, dass sie uns entweder finanziell, durch Sachspenden, Schirmpatenschaften oder Know-How unterstützt haben. Am meisten Dank gebührt aber allen, die sich in den vergangenen 10 Jahren aktiv daran beteiligt haben, dass der Verein bestehen bleibt und seinen Zweck erfüllen kann. Egal auf welche Art. Ihr seid spitze!

Welche Rolle spielt das Engagement von (ehemals) Geflüchteten selbst im Verein?

Wir sind immer wieder froh, wenn unsere Arbeit auch (ehemals) Geflüchtete motiviert sich aktiv einzubringen. So hatte z.B. Mo Gholami, der selbst 2012 nach Deutschland flüchtete, vor einigen Jahren auch den Vorsitz übernommen und dafür gesorgt, dass der Verein die Pandemie übersteht. Andere haben uns mit Sprachkenntnissen oder vereinzelt bei Aktionen ebenfalls großartig unterstützt. Letztendlich soll der Verein nie ein „wir für die“ oder „wir mit denen“ sein, sondern war und ist stetig ein großes Miteinander, bei dem alle eingeladen sind, ihre eigenen Erfahrungen ein- und mitzubringen.

Welche Begegnungen, Aktionen oder Erfolge sind euch besonders im Gedächtnis geblieben?

Eine Aktion, die für alle immer besonders schön ist und die auch bereits seit der Gründung existiert, ist das gemeinsame Schultütenbasteln. Ziel ist, dass kein Kind aus den Unterkünften am ersten Schultag ohne Schultüte dasteht. Dazu wird in Zusammenarbeit mit den Trägerorganisationen eingeladen, dass die Familien gemeinsam mit uns basteln können und die Tüten am Ende auch noch gefüllt werden. 
Außerdem sollten noch zwei Großprojekte hervorgehoben werden, die schon etwas zurückliegen, aber besonders in Erinnerung geblieben sind.
Zum einen gab es im Mai 2016 ein Benefizkonzert in Nieder-Olm, dass nicht nur durch seine Größe, sondern auch die kulturelle Vielfalt begeisterte und zum anderen das Sommerfest im Juli 2016 im Hartenberg-Park, bei dem gemeinsam mit Interact diverse Spielstationen (Hüpfburg, Bobbycar-Rennen, Hindernisparcours etc.), kostenloses Essen und Getränke und Kinderschminken angeboten werden konnten. Dieses Fest war initiiert als Treffpunkt geflüchteter Familien mit ihren Mainzer Nachbarn und wurde gut besucht.

Was ist euer Erfolgsrezept?

Ich würde sagen ein toller Rahmen für ehrenamtliches Engagement, also zum einen wollen wir keine hierarchischen Strukturen im Verein und schätzen jedes Mitglied und alle Aktiven für ihren Beitrag sehr. Es gehört aber auch dazu, dass wir immer Menschen dabeihatten und haben, die motiviert sind, viel mit anzupacken und zu übernehmen. Als kleiner Verein mit einem kurzen und guten Draht zueinander haben wir auch immer die Möglichkeit, Raum für individuelle Ideen zu bieten: Welche Ideen oder Einzelprojekte Menschen in Bezug auf unser Vereinsziel auch haben – bei uns lassen sie sich in einem vertrauensvollen Rahmen verwirklichen!
Zum anderen ist es das freundschaftliche Miteinander, aus dem sich viele tolle Freundschaften entwickeln und die alle Planungstreffen und Aktionen kurzweilig und zu schönen Erinnerungen machen. Es kommt viel zu oft vor, dass zusätzliche Beiträge und Engagement entweder für selbstverständlich genommen und nicht ausreichend gewürdigt werden oder für viele gar nicht mehr in Frage kommen. Dem versuchen wir entgegenzuwirken, denn genauso wie wir uns wünschen, dass mit Geflüchteten menschlich und auf Augenhöhe gesprochen wird, wünschen wir uns das auch für unser Ehrenamt. 

Welche Vision habt ihr für die nächsten 10 Jahre – für euren Verein und das Ehrenamt im Bereich Flucht & Migration?

Ein Traum wäre eine Welt, in der es uns nicht bräuchte. In der Menschen auf der Flucht schnell und sicher Hilfe bekommen, ohne weggesperrt oder in Flüchtlingsunterkünften separiert zu werden. In der Sprachkurse, Anerkennung von Bildungsabschlüssen und Arbeitserlaubnisse ohne lange Wartezeiten und bürokratischen Aufwand möglich wären. In der die Menschen einer Stadt nicht Angst haben, wenn jemand neben ihnen wohnt, der oder die nicht so aussieht, wie sie selbst und stattdessen freundlich aufeinander zugehen. Solange dies alles noch nicht der Fall ist, werden wir versuchen weiter unseren Teil dazu beizutragen, egal wie klein er auch sein mag und wie lange wir Menschen finden, die mit uns diese Vision teilen.

22.08.2025: 10 Jahre Ehrenamt – der Verein „Fallschirm Mensch e.V.“stellt sich vor